Nach Angaben des Canadian Centre for Policy Alternatives (CCPA) ist Kanada das einzige G7-Land ohne einen verbindlichen, spezifischen föderalen Regulierungsrahmen für KI. In dieses Vakuum hinein hat Mark Carney am 4. Juni 2026 im Toronto General Hospital die nationale Strategie „KI für alle“ vorgestellt, die auf sechs Säulen beruht und von einem Finanzrahmen von mehr als 2,3 Milliarden CAD begleitet wird. Seit der Parlamentsprorogation vom 5. Januar 2025 ist AIDA – das Gesetz über künstliche Intelligenz und Daten aus dem C-27-Gesetzentwurf – gescheitert, und kein verbindliches föderales KI-Gesetz hat es ersetzt. Das CCPA und The Walrus bezeichnen das Instrumentarium als weitgehend freiwillig, da es an verbindlichen Pflichten fehlt.
Als einziges G7-Land ohne verbindlichen föderalen Rahmen
Nach Angaben des Canadian Centre for Policy Alternatives ist Kanada das einzige G7-Land ohne einen verbindlichen, spezifischen föderalen Regulierungsrahmen für KI. Dieser Befund verdient jedoch eine Nuancierung: Ottawa und die Provinzen arbeiten bereits mit Teilinstrumenten – etwa der Treasury Board Directive on Automated Decision-Making (2019), dem PIPEDA, dem Quebecer Gesetz 25 sowie den Leitlinien des Office of the Superintendent of Financial Institutions (OSFI) für den Finanzsektor. Diese Instrumente decken einzelne Bereiche ab (föderale Verwaltung, Datenschutz, Finanzwesen), bilden aber keinen einheitlichen KI-Rahmen; und nach Ansicht des CCPA reichen sie nicht aus, um hochriskante Systeme im Privatsektor wirksam zu regulieren. Der unmittelbarste Zwang für einen kanadischen Akteur mit Bezug zum europäischen Markt kommt ohnehin von anderer Seite: Der AI Act gilt für Anbieter und Betreiber, deren KI-Systeme in der Union in Verkehr gebracht oder genutzt werden, unabhängig vom Sitzland. Ein kanadisches Unternehmen, das ein Hochrisikosystem auf dem europäischen Markt einsetzt, unterliegt daher der Verordnung – unabhängig vom Status des föderalen Rechts in Ottawa.
Freiwillig heißt nicht wirkungslos – es braucht nur eine Verankerung
Der Unterschied zur europäischen Erfahrung liegt nicht in der Art des Instruments: Der Code of Practice für General-Purpose-AI-Modelle, den die Europäische Kommission veröffentlicht hat, ist ebenfalls ein freiwilliges Instrument. Seine normative Wirkung entsteht durch seine Verknüpfung mit dem AI Act, dessen spezielle Bestimmung vorsieht, dass Unterzeichner des GPAI-Code eine durchsetzbare Konformitätsvermutung für die Pflichten erhalten, die für Anbieter von General-Purpose-Modellen gelten. Die Unterzeichnung bringt also einen greifbaren rechtlichen Vorteil; die Nichtunterzeichnung zwingt dazu, die Einhaltung auf anderen, aufwendigeren Wegen nachzuweisen. Ohne einen vergleichbaren verbindlichen föderalen Rahmen auf kanadischer Seite stützt die Strategie „KI für alle“ den normativen Druck vor allem auf Reputation und Marktwirkung – ein Mechanismus, der in konzentrierten und exponierten Sektoren durchaus zu Angleichung führen kann, wie die freiwilligen britischen Codes vor dem Online Safety Act zeigen, der aber nicht dieselbe Durchsetzbarkeit erzeugt. The Walrus berichtet, dass eine in seiner Analyse zitierte Umfrage den Anteil der Kanadier, die KI vertrauen würden, auf 34 % beziffert, während 75 % eine staatliche Regulierung erwarten: Der von Ottawa erwartete Reputationsdruck trifft also auf ein Umfeld, in dem der Wunsch nach einem rechtlichen Rahmen klar artikuliert ist.
Ein Ökosystem mit drei Instituten, eine als „embryonal“ beschriebene Infrastruktur
Die Regierung zählt mehr als 3.500 kanadische Unternehmen, die KI-Lösungen entwickeln und zusammen mehr als 37 Milliarden CAD an Risikokapital eingeworben haben. Die von Ottawa vorgelegten makroökonomischen Wirkungsprognosen bewegen sich in einem anderen Register: Ottawa gibt an, 250.000 Arbeitsplätze schaffen und das BIP um 3 % steigern zu wollen – Zahlen, die als Regierungsziele präsentiert werden, nicht als von einem unabhängigen Dritten geprüfte Prognosen. Das offizielle Dokument räumt zudem ausdrücklich ein, dass Kanadas souveräne Rechenkapazität „noch embryonal ist, insbesondere in der Cloud, und erhebliche Investitionen erfordern wird, um die Abhängigkeit von ausländischen Anbietern zu verringern“ – ein Eingeständnis, das den Umfang der Säule Souveränität bereits im Text selbst begrenzt.
